Port d’Andratx: Warum es nicht immer »mehr« sein muss

Reisetipp Port d'Andratx auf Mallorca


» Die Erfüllung liegt in dem, was genug ist. «

– Michel de Montaigne

Mit diesem Satz hat es Monsieur de Montaigne schon im 16. Jahrhundert auf den Punkt gebracht. Es gibt nicht das eine Lebensziel, die eine Abschlussnote oder das eine Gehalt, das man verdienen muss, damit man gut genug ist. Damit das Leben ein erfülltes ist. Denn was genug ist, das entscheidet jeder selbst, da gibt es keinen Richtwert und erst recht keine Erwartung, die man bestätigen muss. Egal, ob man eine Yacht und drei Häuser will, oder eine Wohnung und Zeit für die Menschen und Dinge, die einem am meisten bedeuten: Wichtig ist doch, dass man sich von niemandem aufhalten lässt, bis man genau da angekommen ist. Und sich zu nichts drängen lassen, das man eigentlich gar nicht will.

Wie groß die Unterschiede zwischen den selbst gesetzten Maßstäben sein können, kann man auf Mallorca nur an wenigen Stellen so gut sehen wie in Port d’Andratx – für mich absolut der Ort der Gegensätze auf der Insel. Weil er irgendwo zwischen Luxus und Einfachheit, irgendwo zwischen Yachten und Fischerbooten liegt.

Boote und Berge in Port d'Andratx auf Mallorca

Hafenort Port d'Andratx auf Mallorca

Aber ob nun in der luxuriösen oder der einfachen Variante: Boote findet man hier en masse oder um genau zu sein: Bis zu 500 von ihnen. Für einen Ort mit 2500 Einwohnern eine ziemlich beeindruckende Zahl, auch wenn vermutlich nur ein geringer Anteil der Bootsbesitzer dauerhaft in dem Ort wohnt. So oder so, Boote bestimmen das Bild von Port d’Andratx. Sie sind mal mehr, mal weniger gewollt auf beinahe jedem Foto, egal welche Perspektive man wählt. Wer Booten also nichts abgewinnen kann, sollte sich noch einmal überlegen, ob der Hafenort wirklich das richtige Reiseziel ist. Oder es gerade deswegen einfach mal wagen und sich vom Gegenteil überzeugen lassen.

Port d’Andratx gilt als Ort der Schönen und Reichen auf Mallorca, angeblich treiben sich hier regelmäßig Models, Politiker und andere (selbst ernannte) Berühmtheiten herum. Um das vorweg zu nehmen: Mir sind keine begegnet, jedenfalls soweit ich das erkennen konnte, und ehrlich gesagt: Ich glaube es würde auch nicht sonderlich für einen Ort sprechen, wenn alles, was ich danach von ihm erzählen kann, eine Auflistung der Menschen ist, die ich gesehen habe. Das ist nicht der Grund, warum ich reise. Ich will einen Ort kennen lernen und wie soll das gehen, wenn ich meinen Blick nur darauf richte, wer neben mir die Promenade entlang läuft?

Restaurant in Port d'Andratx auf Mallorca

Boot in Port d'Andratx auf Mallorca

Am Ende waren es auch gar nicht die unfassbar teuren Eisdielen, die edlen Restaurants oder die Boutiquen, die mich am meisten beeindruckt haben. Da kann sich der Ort für mich nicht mit Port Adriano oder Portals Nous messen. Wer auf der Suche nach den größten Yachten Mallorcas ist, wird ebenfalls eher dort fündig als in Port d’Andratx. Ich war daher fast ein bisschen enttäuscht, was der angebliche Ort der Schönen und Reichen an Luxus zu bieten hat. Klar, auch hier gibt es Boote, die ich mir vermutlich nie leisten kann, aber nicht in dem Übermaß, wie es etwa in Portals Nous der Fall war. Hier ist alles eine Ebene dezenter und unauffälliger, was nicht unbedingt schlecht ist, bestimmt nicht. Aber es zeigt wieder, dass Reisen am besten unvoreingenommen funktioniert und ohne Erwartungen, die doch nur enttäuscht werden.

Stattdessen war es dieses Spiel der Kontraste, das von Port d’Andratx hängen geblieben ist. Fischer, die in einfachen T-Shirts oder oberkörperfrei auf ihren Booten arbeiten und daneben die Touristen, die elegant gekleidet die Promenade entlang spazieren oder auf ihren Segelbooten davonfahren. Man kommt vorbei an bunten Fischernetzen, die zum Trocknen in der Sonne liegen, und ein Stück weiter an den schlicht-weißen Restaurants, in denen der frische Fisch dann serviert wird. Man sieht die einen, für die Alltag herrscht und die anderen, die genau diesem Alltag entfliehen wollen.

Wahrscheinlich gibt es kaum einen Ort auf Mallorca, bei dem mich die Lage und Aussicht nicht fasziniert. Port d’Andratx ist ein Naturhafen und – wieder angeblich – sogar der schönste des gesamten Mittelmeers. Ob das so ist, kann und möchte ich nicht beurteilen, aber wie die kleinen weißen Boote friedlich vor dem Tramuntana-Gebirge liegen, das hat was. Es lohnt sich also, nicht nur an den Restaurants entlang zu schlendern, sondern weiterzugehen, um die Bucht zu überblicken und den Charme eines Hafens zu sehen, den man so nie bauen könnte.

Naturhafen Port d'Andratx auf Mallorca

In Edgar Rais Roman Nächsten Sommer fragt sich der Protagonist: „Ist das der Sinn des Lebens? Ist es das, was wir wollen sollen – mehr? Sollte ich auch »mehr« wollen?“ Hier ist meine Antwort: Nein. Ich glaube nicht, dass wir immer mehr wollen sollten. Ja, wir sollten Ziele haben und uns nicht vorschnell zufrieden geben, nur damit wir uns nicht anstrengen müssen. Aber wer mehr und mehr will, verliert aus den Augen, was er bereits hat, was er braucht und was genug ist. Außerdem: Wer weiß schon, ob uns dieses »mehr« tatsächlich glücklicher macht? Ich denke nicht, dass der Yacht-Besitzer automatisch ein schöneres Leben führt als der Fischer, weil er das größere Boot hat. Und damit wären wir wieder am Anfang angekommen: Erfüllung liegt in dem was genug und nicht in dem, was am meisten ist.


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