Caimari – Gourmet-Genuss im Nirgendwo

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» Essen ist ein Bedürfnis, genießen ist eine Kunst. «

– François de La Rochefoucauld


Ich habe es nicht mit navigatorischen Beschreibungen, wirklich nicht. Das gebe ich ganz offen zu und vielleicht liegt es daran, dass mir keine bessere Lagebeschreibung einfällt. Aber Caimari, das liegt für mich einfach irgendwo im nirgendwo. Am Ende vom bewohnten Teil Mallorcas, ein Tor zur Serra de Tramuntana. Wenn man die Landstraße, die nach Caimari führt, weiter fährt, kommt erstmal nichts. Eine ganze Weile lang. Vielleicht ist es aber auch wieder genau das, was hier den Reiz ausmacht. Ein gut 700-Seelen-Dorf, weit ab von allem und umgeben von nichts, außer Feldern, Wäldern und Bergen.

Allerdings muss ich ehrlich sein. Genau genommen gibt es nur einen besonderen Grund, warum ich einen Abstecher in das Dorf jedem Mallorca-Besucher empfehlen würde. Denn wirklich viel zu entdecken gibt es beim Spazieren durch die Straßen nicht. Der Grund heißt Ca Na Toneta und ist, ohne zu übertreiben, eines der qualitativ hochwertigsten Restaurants in denen ich bis jetzt gegessen habe.

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Von außen ist das Restaurant unauffällig, so unauffällig, dass ich zunächst daran vorbei gelaufen bin. Es sieht aus wie ein einfaches Wohnhaus, nicht viel anders als die benachbarten Gebäude. Nur der kleine Schriftzug „Ca Na Toneta“ weist darauf hin, dass sich hinter dieser Tür das Restaurant befindet. Wobei man dazu natürlich auch wissen muss, was das Ca Na Toneta ist. Auch von innen ist es simpel eingerichtet, jedenfalls nicht so, wie man es von deutschen Restaurants kennt, in denen einen ein 6-Gänge-Menü erwartet. Simpel, aber so, dass man sich sofort wohl fühlt.

Gut, das war jetzt noch nichts, was erklärt, warum das Restaurant so besonders ist, also komme ich jetzt mal dazu. Das Restaurant ist ein klassischer Familienbetrieb. Anfangs hat Teresa Solivellas es gemeinsam mit ihren Eltern geführt, später ist ihre Schwester Maria mit eingestiegen und hat die Küche samt Rezepten von ihrer Mutter übernommen. Bei den Rezepten wird die traditionelle mallorquinische Küche ins Moderne übersetzt, kreativ verfeinert und vor allem ein Wort groß geschrieben: Bio.

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Im Ca Na Toneta kann man problemlos einen ganzen Nachmittag verbringen, weniger als drei Stunden bleibt eigentlich niemand. Und das passt auch zum Konzept des Ganzen. Slow Food heißt die Bewegung, die hier verfolgt wird. Regionale und saisonale Produkte werden verwendet, wobei regional fast noch untertrieben ist: Zumindest vom Obst und Gemüse kommen 90 Prozent aus dem eigenen Garten. Außerdem soll das Essen bewusst und in Ruhe genossen werden – im Gegensatz zum Fast Food, das man schnell mal nebenbei isst. Da auch ich dazu neige, während des Essens schon mit der nächsten Aufgabe beschäftigt zu sein, tut es mehr als gut, sich hier einfach mal die Zeit zu nehmen und jeden Bissen voll auszukosten.

Ich will euch nicht mit Aufzählungen von den sechs Gängen nerven. Schon deshalb nicht, weil es sowieso jede Woche etwas anderes gibt, und was das ist, erfährt man eh erst, wenn einem Teresa  Solivellas das fertige Menü vorstellt. Also nur so viel: Es gab Dinge, die ich vorher noch nie gegessen hatte, Dinge, die ich in dieser Kombination noch nie gegessen hatte und alles sah nicht nur gut aus, sondern war durchweg lecker. Was mich neben dem Geschmack beeindruckt, ist die Kreativität und dieses gewisse Etwas, das schon allein bei der Tellerwahl deutlich wurde. Kein Teller sah aus wie der davor.

Ja, es klingt ziemlich nach Schwärmerei was ich hier schreibe, aber ich bin jetzt auch fertig. Nur das noch: Eine Reservierung ist unbedingt nötig. Das Ca Na Toneta ist bei Mallorquinern wie Touristen gleichermaßen beliebt und zumindest bei meinem Besuch mussten einige unangemeldete Gäste wieder nach Hause geschickt werden.

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Obwohl es nicht übermäßig viel zu entdecken gibt, lohnt sich nach dem Essen natürlich trotzdem ein Spaziergang durch das Dorf, um eine weitere Seite der Insel kennen zu lernen. Landleben heißt das Stichwort, denn der landwirtschaftliche Ursprung von Caimari wird schon bei der Anfahrt deutlich. Mandel- und Feigenbäume wachsen auf den Feldern neben der Zufahrtsstraße und das gesamte Dorf ist durchzogen von Gärten, Zitronen- und Orangenbäumen. Am bedeutendsten sind aber wohl die Olivenbäume, aus denen in Caimari eines der bekanntesten Öle von Mallorca hergestellt wird. Die alten Ölmühlen, die Almazaras, findet man bis heute in dem Dorf.

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Der Nachmittag in Caimari war einer, der sehr viel mehr Zeit beansprucht hat, als ich es eigentlich vorhatte. Meine ursprünglichen Pläne wurden (mal wieder) durcheinander gewirbelt und den Stunden hier musste ich den Besuch eines anderen Dorfs opfern. Aber ich dachte mir: Lieber einen Ort in vollen Zügen erleben, als bei mehreren Orten nur halbherzig dabei zu sein. Denn dass man keine halben Sachen machen soll, ist eine der Weisheiten, die sich mir aus der Kindheit bis heute eingeprägt hat. Also habe ich mich zurückgelehnt und mich in der Kunst des Genießens versucht, wie es Monsieur de La Rochefoucauld so schön formuliert hat.

Und für alles, was ich dafür verpasst habe, gilt: Keine Sorge Mallorca, bald bin ich wieder da. Mit ganzem Herzen und bereit, mich erneut faszinieren, überraschen und fallen zu lassen.


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