Formentor – Ein Paradies mit tausend Facetten

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»Das Paradies liegt nicht auf Erden, aber Stückchen davon sind wohl vorhanden. «

– Jules Renard

Wenn Monsieur Renard in diesem Satz die Wahrheit spricht, dann habe ich eines dieser Stückchen vom Paradies gefunden. Denn paradisisch, das war das Erste, das mir durch den Kopf schoss, als ich diesen Teil von Mallorca bereist habe. Und während der Stunden, die ich hier verbrachte, hat sich das Wort immer wieder in meine Gedanken geschlichen, bis es sich zum Ende fest eingeprägt hatte.

Genau genommen habe ich die Halbinsel Formentor nicht erst jetzt entdeckt. Ich war im letzten Jahr bereits dort, mehr als einmal, aber ich habe es nie zur Spitze geschafft. Der Mirador del Mal Pas, ein Aussichtspunkt am Anfang der Halbsinsel, hat mich schon so fasziniert, dass ich nie auf die Idee gekommen bin, viel weiter zu fahren. Aber diesmal hatte ich mir vorgenommen, endlich mehr zu sehen. Zum Glück. Es hat sich mal wieder gezeigt, dass man sich eben nicht mit dem Erstbesten zufrieden geben sollte, auch nicht beim Reisen. Auch nicht, wenn es bereits noch so schön und beeindruckend ist.

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Die Länge der einzigen Straße auf Formentor beträgt von Anfang bis Ende nur 18 Kilometer. Klingt beim Lesen nicht viel, aber in Wahrheit kann man für diese Strecke einige Stunden einplanen. Das liegt einmal an den Serpentinen, die ich ja von Mallorca inzwischen gewöhnt bin, über die sich zwischen den Autos auch Scharen von Fahrradfahrern schlängeln und Busse, die gefühlt mehr rückwärts rollen als vorwärts fahren. Dafür rasen die Radfahrer die Berge nur so hinunter, dass man im Auto kaum hinterher kommt. Der zweite Grund ist, dass sich praktisch Aussichtspunkt an Aussichtspunkt reiht und von jedem einzelnen der Blick viel zu reizvoll ist, um einfach daran vorbei zu fahren.

Die besten Ausblicke bieten sich einem aber abseits der offiziellen Punkte. Wenn man noch ein bisschen weiter klettert. An einem Felsen vorbei, auf den nächsten oben drauf und das alles am besten ohne einmal nach unten zu gucken. Denn um es mal so zu formulieren: Das Meer ist von hier oben ziemlich dunkel und vor allem ziemlich weit weg. Da lenkt man die Konzentration lieber wieder auf die kleinen Buchten, die grünen Hänge, den sanft fließenden Farbübergang zwischen Himmel und Wasser.

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Die eigentliche Spitze, also das nördlichste Ende der Halbinsel, ist dann bei weitem nicht so spektakulär wie erwartet. Der Leuchtturm hier harmoniert zwar aus der Ferne farblich wunderbar mit dem tiefblauen Meer, hat aber ansonsten nicht wirklich mehr zu bieten. Es gibt ein kleines Café, in dem sich die Radfahrer vor dem Rückweg stärken, der definitiv nicht entspannter wird als die erste Etappe. Das war’s. Aber gut, es ist eben auch nur ein Leuchtturm, da sollte ich wohl auch kein Feuerwerk und keinen Konfettiregen erwarten. Symbolisch gesprochen.

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Auch als ich bei dem Leuchtturm und 99% der Aussichtspunkte gewesen bin, kann und will ich mich noch nicht von der Halbinsel verabschieden. Da sind ja noch die kleinen Buchten und Strände, die nicht einfach ignoriert werden können. Und nachdem mich bereits der Strand von Formentor, relativ zu Beginn der Halbinsel, verzaubert hat (es lohnt sich, nicht direkt den Schildern zum Cap de Formentor zu folgen, sondern die andere Abzweigung zu nehmen), möchte ich auch noch bei einer Bucht am Ufer stehen. Also geht es hinunter zur Cala Murta. Statt den angekündigten 20 Minuten dauert der Weg zwar am Ende mehr als das Doppelte, aber dafür erreiche ich schließlich eine schmale, von hohen Felswänden umrahmten Steinbucht, mit Wasser, das je nach Lichteinfall zwischen glasklar und leuchtend Türkis wechselt.

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Formentor gehört zu den Plätzen, die man am liebsten nicht mehr verlassen möchte. Die zu jeder Jahreszeit schön sind und die man immer wieder besuchen kann. Egal, wie das Licht ist, ob die Sonne das Wasser zum Strahlen bringen oder Wolken tief über den Felsen hängen. Man findet Ruhe und Risiko, Entspannung und Adrenalinkicks.

Zwischen dem Leuchtturm und Port de Pollença, dem Ort vor Beginn der Halbinsel, erstreckt sich ein kleines großes Paradies mit tausend Facetten. Genau das macht Formentor für mich so besonders. Paradiesische Strände kennt jeder, aber Orte, die das Wort auf so viele Weisen verkörpern, sind seltener zu finden. Deshalb muss man sich hier die Zeit nehmen, für einen zweiten, einen dritten Blick. Auch wenn der Erste bereits noch so schön ist. Entdeckt die verschiedenen Kapitel, lest das Buch zu Ende, statt nur die erste Seite aufzuschlagen. Und zwar nicht nur auf einer Reise nach Formentor.


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