Torrent de Pareis – Von wilden Fahrten und stillen Beobachtern

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» Travel far enough, you meet yourself. «

– David Mitchell, Cloud Atlas

Auf einem Filmfestival auf Mallorca hat die Moderatorin festgestellt, wie schade es sei, dass auf Mallorca nicht mehr Filme gedreht werden, wo es hier eigentlich alles gebe: Berge, Meer, romantische Dörfer und dazu ein einzigartig warmes, weiches Licht. Sicher, sie war Mallorquinerin und ihre Situation ist praktisch vergleichbar mit der einer Mutter, die ihr eigenes Kind immer toll und wunderschön finden muss. Aber auch als Nicht-Mallorquinerin muss ich ihr in dem Fall recht geben, in allen Punkten.

Ein Ort, der tatsächlich als Schauplatz eines Films gedient hat, ist die Schlucht des Torrent de Pareis, neben dem Dorf Sa Calobra. Hier wurden die Anfangsszenen von „Cloud Atlas“ gedreht. Und eins kann ich versprechen: Wer von den Bildern im Film beeindruckt war, wird von der Realität nicht enttäuscht werden. Im Gegenteil. Aber erstmal, muss man natürlich zu der Schlucht hinkommen…

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Ich habe ja schon viele interessante Fahrten durch das Tramuntana-Gebirge erlebt, aber diese Strecke übertrifft wirklich alles. Die Straße, die hinunter nach Sa Calobra führt, ist steiler, schmaler und kurvenreicher als alles, was ich bis jetzt hier erlebt habe. Eigentlich als alles, was ich egal wo bis jetzt erlebt habe. Die Aussicht ist unfassbar, das steht fest. Aber als Fahrer sollte man absolut schwindelfrei sein, denn Erholungspausen gibt es auf dem Weg nicht.

Eine Kurve jagt die nächste und bei einem entgegenkommenden Auto kann man das Pech haben, dass man ein Stück rückwärts fahren muss, damit man irgendwie aneinander vorbei passt. Also; Nur zu jemandem ins Auto steigen, in dessen Fahrkünste man wirklich großes Vertrauen hat.

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Heil unten angekommen, erreicht man zunächst das Dorf Sa Calobra. Wobei selbst Dorf eigentlich noch übertrieben ist für die paar Häuser, die hier stehen. Aber trotzdem beeindrucken sie mich irgendwie, wie sie direkt in die Felsen eingearbeitet sind, nur wenige Meter vom Meer entfernt. Und auch das Meer beeindruckt mich, mal wieder, mit seiner unglaublichen Farbvielfalt. Hier erscheint das Wasser in einem dunklen Türkis, noch eine Farbe, die ich so noch nicht gesehen habe.

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Zur Schlucht gelangt man durch einen kleinen Tunnel in den Felsen, der nur mit wenigen Lichtern ausgerüstet ist. Durch ein paar Luken in den Tunnelwänden kann man einen ersten Blick darauf erhaschen, was einen unten angekommen erwartet. Und das lässt mich verstehen, warum manche Menschen sagen: Wer Sa Calobra und den Torrent de Pareis nicht gesehen hat, war nicht auf Mallorca. Weil man hier so viel Naturschönheit, -vielfalt, -einzigartigkeit an einem Ort erlebt, dass man eigentlich nicht anders kann, als zum stillen Bewunderer zu werden.

Während man durch die Schlucht läuft, hört man immer wieder ein Rascheln aus den Büschen und von den Felsen. Nein, es sind keine kleinen Monster, die in den Höhlen hausen. Obwohl die Schlucht bei Dunkelheit, trotz ihrer Schönheit, für einen derartigen Horror-Film wahrscheinlich keine schlechte Kulisse abgeben würde. In Wirklichkeit sind es Ziegen, die hier Zuhause sind. Eine ganze Ziegenfamilie, so sieht es zumindest aus, vom Opa bis zum jüngsten Kind. Sie klettern die Wände hoch, ohne Seil und Sicherung, und ich bin fasziniert, wie die kleinen Tiere etwas schaffen, was für uns unmöglich wäre.

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Der Torrent de Pareis ist ein Sturzbach, der nur zu bestimmten Regenzeiten mit Wasser gefüllt ist. Als ich da bin, ist die Schlucht gerade relativ trocken, abgesehen von ein paar Stellen, an denen sich Wasser gestaut hat. Die haben allerdings mehr Ähnlichkeit mit größeren Regenpfützen als mit einem Bach. Aber sie reichen aus, für ein weiteres Farbspektakel. Das Wasser verfärbt sich teilweise dunkelgrün, von den Pflanzen, die sich darin spiegeln. An anderen Stellen erkennt man in dem Wasser die Felsen, die das Wasser in alle Farben, von braun über grau bis grün, tauchen. Und das Farbspiel geht noch weiter.

Die Sonne versinkt hinter den Felsen, welche die Bucht umgeben. Über dem Meer entsteht ein rosaner Streifen, in dem sich eine Kette von Wolken festgesetzt hat, aus der sich keine auszubrechen traut. Guckt man in die andere Richtung, sieht man die Berge,  deren Spitzen in der untergehenden Sonne aussehen, als ob sie in Flammen stehen, so leuchtend rot sind sie. Kurze Zeit später schiebt sich der Mond zwischen den Bergen hervor, es sieht aus als würde er von der Stromleitung herabbaumeln, wie ein Kettenanhänger.

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Zurück zum Anfang: Reise weit genug, du triffst dich selbst. Von Deutschland nach Mallorca ist es bestimmt keine Fernreise, aber ich glaube, es kommt auch nicht unbedingt auf die tatsächliche Entfernung an, sondern auf die empfundene. Manch einer muss bis ans Ende der Welt fahren, ein anderer vielleicht nur in die Nachbarstadt. Ich möchte nicht behaupten, dass Mallorca meine Insel der Selbstfindung ist, aber dieser Ort und viele weitere haben mir viel gezeigt darüber, wie ich mein Leben leben möchte. Mit ihrer manchmal unbegreifbaren Schönheit, ihren Details, ihrer unperfekten Perfektion. Insofern, ja David Mitchell. Reise und du triffst dich selbst. Nur die notwendige Entfernung bestimmt jeder selbst.

2 Kommentare

  1. Darin habe ich viel wiedererkannt! Auch ich habe mich Anfang Januar auf die Strecke nach Sa Calobra gewagt (http://kleinplanet311.com/2015/01/04/ein-winter-auf-mallorca-tag-5-alles-wird-c-dur/). Aber auch nur, weil es gerade so leer war, sonst hätte ich mich nicht getraut. Zum Glück kam mir kein Bus entgegen. In der Bucht von Sa Calobra fand ich es wunderschön. Der Torrent war bei mir fast trocken und sah noch mal anders aus.
    Sehr interessante Worte über die Selbstfindung am Schluß. Und ich finde, keine Jahreszeit eignet sich besser als der friedliche, entspannte Winter auf der Insel, der schon ein halber Frühling ist.

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    1. Danke für das Kommentar! Da sind auch echt tolle Fotos herausgekommen auf deiner Seite. Und ja, es ist wirklich toll, wenn im Winter alles ruhiger ist und man die ganze Natur viel intensiver genießen kann.

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