Sóller – Im Tal der Orangen- und Zitronenbäume

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» Ein Foto wird meistens nur angeschaut – selten schaut man in es hinein. «

– Ansel Adams

Davor habe ich manchmal Angst. Dass sich die Leser die Bilder hier angucken und denken: „Hm, ja, nette Fotos, aber ehrlich gesagt sehen doch alle Orte ziemlich gleich aus.“ Dass der Eindruck entsteht, es wären einfach alles Dörfer, mit alten Häusern, Pflanzen an den Straßenrändern und Bergen im Hintergrund. Denn so ist es nicht, nicht in Wirklichkeit. Natürlich gibt es Gemeinsamkeiten und die Architektur ist ähnlich, aber jeder Ort hat etwas Besonderes an sich.

Deshalb wird es nie langweilig, neue Orte zu besuchen und deshalb kann ich auch einfach nicht genug davon bekommen, noch einen und noch einen und noch einen zu entdecken. Und ich hoffe, dass etwas von diesem Besonderem, dass in jeder Stadt und in jedem Dorf hier steckt, transportiert wird nach Deutschland, Österreich, Mallorca – wo auch immer die Fotos gesehen werden. Und wenn es nur ein kleines bisschen ist.

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Sóller ist für mich die grüne Stadt. Wenn man den Stadtkern verlässt, findet man sich in einer Gartenlandschaft wieder, mit bunten Blumen, Sträuchern und vor allem: vielen, vielen Orangen- und Zitronenbäumen. Statt einfachen Hausnummern haben viele der Menschen ihren Grundstücken einen Namen gegeben. Ca’n Alegre zum Beispiel. Das Haus der Freude. Und egal, in welche Richtung man sich dreht: Überall sieht man die grünen, mit Wäldern bewachsenen Berge der Serra de Tramuntana, von denen die Stadt umschlossen wird.

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Dass Sóller in einem Tal liegt, hat natürlich auch zur Folge, dass man die umliegenden Berge erstmal überwinden muss, um die Stadt zu erreichen. Von Palma aus kommend, hat man zwei Möglichkeiten. Die erste (und langweilige): Ein Tunnel, der durch die Berge hindurch führt. Die zweite: Eine kleine Landstraße, die auf der einen Seite den Berg hochführt und auf der anderen dann wieder hinunter ins Tal. Klar, welche Option ich genommen habe, oder? Beziehungsweise welche Strecke ich meinem Begleiter aufgetragen habe zu fahren. Denn sonderlich Fahranfänger-tauglich sind die Bergstraßen nicht, das muss man mal sagen. Also mein Tipp: Schnappt euch jemanden, der gut Autofahren kann und dann macht das Ganze sogar ziemlichen Spaß. Denn die Aussicht ist einmalig.

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Sóller ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie sehr sich Perspektiven ändern können. Es ist verrückt. Ich habe meine Tage, an denen ich nicht in Palma war, so oft in Dörfern verbracht, dass mir Sóller mit seinen knapp 9000 Einwohnern jetzt schon vorkommt, wie eine größere Stadt. Vor der Zeit hier hätte ich 9000 Einwohner wahrscheinlich mit: „Oh, wie süß. Da kennt doch bestimmt jeder jeden.“ kommentiert. Als ich vor zwei Jahren von Berlin nach Magdeburg gezogen bin, habe ich schon gedacht: Jetzt geht’s auf in eine kleine Stadt. Und Magdeburg hat etwa 250.000 Einwohner. Es kommt eben nur auf den Blickwinkel an.

Aber ob man Sóller jetzt groß oder klein findet, Fakt ist: Kaum hat ein Ort mal mehr als 3 Straßen, schaffe ich es gleich, mich zu verlaufen. Es gelingt mir in der Stadt doch wirklich, die Bushaltestelle nicht mehr wieder zu finden, um zurück nach Palma zu kommen. Also beschließe ich, mit der alten Straßenbahn einfach nach Port de Sóller, praktisch den dazugehörigen Ort am Meer, zu fahren, in der Hoffnung, dass mir da die Bushaltestelle über den Weg läuft. Das war jetzt mal eine kleine Randnotiz dazu, wie Logik so in meinem Kopf funktioniert. Manchmal auf eine etwas eigenwillige Weise. Aber zurück zu Sóller…

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Die Stadt hat sicherlich viele Sehenswürdigkeiten, die sie besonders machen. Ob es die Tren de Sóller ist, eine alte Eisenbahn, die seit über 100 Jahren von hier nach Palma fährt. Oder die Pfarrkirche San Bartomeu, die in ihrer Architektur Einflüsse verschiedener Kunstepochen zeigt. Oder die verschiedenen Museen und der Botanische Garten am Stadtrand. Aber ich denke, man lernt eine Stadt nie wirklich kennen, wenn man nur sämtliche Sehenswürdigkeiten von einer Liste abarbeitet. Ich will den Flair, den Charme einer Stadt spüren. Und dazu reicht es mir nicht, eine Kirche, ein Museum und zwei Denkmäler zu besichtigen. Ich will ein möglichst vollständiges Bild von der Stadt, will wissen: Was macht das Leben dort aus? Und ich bezweifle, dass ein Bewohner von Sóller mir sagen würde: „Also mein Leben hier ist besonders, weil es diese architektonisch wertvolle Kirche gibt.“

Natürlich bekommt man dieses Lebensgefühl nicht in ein paar Stunden, während man ein bisschen durch die Stadt läuft und Fotos schießt. Aber ich probiere einfach, ein Gespür für sie zu entwickeln. In dem ich nichts Bestimmtes suche, sondern mich einfach durch die Straßen treiben lasse und mir dabei selbst immer wieder Fragen stelle. Was macht die Gärten hier aus? Wie sehen die Balkone, die Hinterhöfe zu den Häusern aus? Welche Details unterscheiden Sóller vom Rest der Insel? Fragen, auf die ich mir am Ende auch meine eigene Antwort gebe.

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Für mich erscheint Sóller mehr am praktischen Denken und weniger am Perfektionismus orientiert als andere Bergdörfer, die ich auf Mallorca schon gesehen habe. Die Natur ist ein fest verankerter Teil der Stadt, und zwar vor allem in ihrer wilden Form, und nicht in einen Blumentopf gesteckt. (Obwohl die natürlich in einigen Straßen nicht fehlen dürfen.) Die Stadt wirkt klassischer und reifer und nicht so verspielt.

Das sind alles persönliche Eindrücke, ohne Garantie für ihre Richtigkeit. Aber es sind Eindrücke, die ich in keinem Museum gewonnen hätte. Es sind Bilder im Kopf, die bleiben, und die Sóller für mich zu mehr machen als einer Stadt mit einer alten Eisenbahn und einer schönen Kirche.


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