Kaffeepause

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» Wenn du genießen kannst, kannst du lachen. Du freust dich. Du bist dankbar, dass jeden Morgen die Sonne für dich aufgeht. «

– Phil Bosmans

Genießen, das ist eine Sache, die Spanier deutlich besser können als die meisten Deutschen. Es ist wahrscheinlich diese Südländer-Mentalität. Man nimmt sich Zeit und gönnt sich Pausen. Deutschland ist Coffee to go. Spanien ist Kaffee zum Hiertrinken. Und zwar am besten mit vielen Leuten, laut und lange. Ich glaube, Zeitdruck und das Bedürfnis, in möglichst wenig Zeit alles zu schaffen, gibt es hier einfach nicht. Hektik ist ein Fremdwort. Und Pünktlichkeit sowieso. Aber das ist eine andere Sache…

Zum eigentlichen Vorteil, an der Genießer-Eigenschaft der Mallorquiner: Die Menschen hier besitzen auch die Fähigkeit, die perfekten Orte zu schaffen, um eben das zu tun. Sich zurückzulehnen und zu genießen. In Palma habe ich einige Cafés entdeckt, die es beim ersten Anblick und bevor ich überhaupt den Kaffee probiert hatte, auf die Liste meiner Lieblingscafés geschafft haben.

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In der Stadt gibt es an jeder Ecke Cafés, sogar Straßen die praktisch nur auf Cafés bestehen. Für eine Großstadt sicher nichts ungewöhnliches, aber was mir daran gefällt, ist: Es sind nicht diese Standard-Ketten Starbucks, Dunkin Donuts oder Coffee Fellows. Es sind alles kleine Läden, die es nur einmal gibt. Wie der Rest der Stadt sind sie vielfältig und bunt, und zwar in ihrem Gesamtbild, aber auch jedes für sich.

Wer teure Ledercouchen und ein professionelles Innendesign erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Die Ausstattung ist oft wild zusammen gewürfelt und bei der Dekoration lebt man alle vorhandene Kreativität aus. Da werden dann eben Gießkannen, Orangen oder Glasflaschen als Blumenvasen genauso verwendet, wie die klassische Kerze. Pflanzen findet man eigentlich überall, und zwar echte, keine Plastikrose auf dem Tisch. An den Eingängen hängen keine großen Leuchttafeln, auf denen unübersehbar der Name des Cafés geschrieben ist.  Es sind kleine Schilder, bei denen Menschen Spaß gehabt haben, sie zu gestalten.

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Aber so unkonventionell Palmas Cafés vielleicht in ihrer Gestaltung sind, desto klassischer sind sie, was das Kaffee-Angebot angeht. Man bekommt keinen Pumpkin-spiced-caramel-chocolate-vanilla-iced-Frappuccino mit Sahne und Schokostreuseln. Stattdessen gibt es Cafe con Leche, Cafe Americano oder Cappuccino. Bodenständig und einfach, dafür kostet ein Kaffee aber auch nicht so viel wie ein Oberteil bei H&M.

Ich kann nicht leugnen, dass es vielleicht auch das Wetter ist, was zu meiner Begeisterung von Palmas Cafés beiträgt. In Deutschland gibt es diese Zeit im Oktober und November, in der ich es so gut es geht vermeide, mich draußen aufzuhalten. Es ist kalt und wird nicht richtig hell, es regnet oft und kalter Wind bläst durch die Straßen. Kurz gesagt, es ist Wetter, bei dem man sich im Bett verkriechen, und bestimmt nicht in einem Straßencafé sitzen möchte. Hier sind die Cafés voll, jeden Tag. Ende November sieht man Menschen mit Sonnenbrille und kurzer Hose, die ihren Kaffee statt mit einer Portion Sahne mit einer Portion Sonne serviert bekommen – und genießen.

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Wer sich jetzt als aufmerksamer Leser wundert, dass ich zwar von den vielen Spaniern in Cafés schreibe, aber keine zu sehen sind: Das liegt zum einen daran, dass ein Teil der Fotos entstanden ist, als die Cafés geschlossen waren (ja, auch die haben hier ihre Siesta-Zeit). Und zum anderen vermeide ich es, Menschen zu fotografieren, weil ich denke, dass es von uns allen schon genug Fotos im Internet gibt. Da muss ich nicht noch fremde Menschen in meinem Blog zeigen.

Außerdem: Wenn die Tische und Stühle leer sind, bleibt jedem selbst die Freiheit, die Cafés mit Leben zu füllen. Sich Szenen und Menschen auszumalen, wie man sie dort finden könnte. Eine der Weisheiten, die ich von meinen Uniprofessoren gelernt habe, ist: Man soll dem Leser oder Zuschauer nicht alles verraten, sondern ihm Platz für das berühmte Kino im Kopf lassen. Das ist jetzt sozusagen die Theorie in der Praxis angewandt. Also los, entwerft euren eigenen, kleinen Kinofilm. Und wer sich jetzt gerade weniger inspiriert wird, tja, da hilft nur eins: Hinfahren und selbst sehen, welche Geschichten in Palmas Cafés geschrieben werden.

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