Serra de Tramuntana – Von der Sanftmut eines Riesen

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» Die Berge lassen uns staunen. Sie bieten etwas Sanftes und Machtvolles: Sie fördern unsere Bereitschaft,
Wunder anzuerkennen. «

– Robert Macfarlane

Ich hätte nie gedacht, dass man im Zusammenhang mit Bergen das Wort ’sanft‘ verwenden kann und es tatsächlich zutrifft. Bis jetzt hatten Gebirge für mich etwas Hartes, Kaltes. irgendwie fast schon Beängstigendes.  Was auch daran liegen kann, dass ich ein echtes Flachland-Kind bin. Der größte Berg aus meiner Kindheit ist sage und schreibe 87 Meter hoch: der Hahneberg in Berlin-Staaken. Ich weiß nicht mal, ob man das schon als Berg bezeichnen darf. Ist wahrscheinlich mehr ein Hügel. Mit Bergsteigen oder Klettern ist da auf jeden Fall nicht viel.

Und auch ansonsten kannte ich Berge mehr oder weniger nur aus Büchern und dem Fernsehen. Ich hab als Kind ganz gerne „Heidi“ geguckt, aber soweit ich mich erinnere, haben mich da auch mehr die Bergziegen interessiert.  Ich war nie im Winterurlaub oder Wandern. Mein einziges Ski-Erlebnis ist so geendet, dass ich am Ende den Berg runtergekrabbelt bin, um irgendwann  nochmal unten anzukommen. Ich glaube der Punkt wurde deutlich: Berge und ich, das hat ungefähr so gut zusammen gepasst wie die Farbkombination von Organge und Pink.

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Dann komme ich nach Mallorca und auf einmal ist da dieses (für mich) riesige Gebirge.  Der höchste Berg Mallorcas ist rund 1400 Meter hoch. Ja, selbst die Zugspitze ist mehr als doppelt so hoch, also müssen wir gar nicht erst anfangen, das mit den höchsten Bergen der Welt zu messen. Aber vergleicht man das Tramuntana-Gebirge mit dem Baby-Berg aus Berlin, ist das schon ein Aufstieg vom Bungalow bis zum 10-stöckigen Hochhaus. Mindestens. Ich taste mich langsam vor, bevor ich mich vielleicht irgendwann mal den Wolkenkratzern der Welt widme.

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Aber eigentlich kommt es mir auch gar nicht so sehr auf die Höhe an. Entscheidender ist: Zum ersten Mal bin ich von Bergen wirklich fasziniert,  und zwar so sehr, dass ich bereit bin durch das Gebirge von einem Ort zum anderen zu laufen. Und das, obwohl ich wirklich, wirklich nicht gerne laufen. So gar nicht. Erst recht nicht, wenn die Strecke auch noch gewisse Anstiege hat, wie das eben in Bergen so der Fall  ist.

Zum ersten Mal sehe ich, wie viel Leben hier steckt. Damit meine ich nicht Touristen, die Ski-Pisten runterfahren, sondern die Natur, die zu meiner Überraschung aus mehr besteht als Felsen, Steinen, Schnee und vielleicht ein paar Grashalmen. Sie ist bunt, vielfältig, strahlend. Und zu meiner größten Begeisterung klettern tatsächlich wilde Bergziegen durch die Gegend.

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In der Serra de Tramuntana liegen mehrere Stauseen, in denen, wie ich gelesen habe, Trinkwasser gespeichert wird. Die Seen leuchten in einem dunklem Türkis und bildet den perfekten Kontrast zu den hellgrauen Bergen.  Ob ich das Wasser gerne trinken würde, weiß ich zwar nicht, irgendiwe scheint es nicht allzu gesund. Aber mir reicht es, dass die Seen aussehen wie gemalt.

Ich liebe das Spiel der Berge mit den Wolken, oder umgekehrt. Ich weiß nicht genau wer mit wem spielt, aber das Ergebnis ist wie aus dem Bilderbuch. Wenn nur die Bergspitze zwischen den Wolken hervorguckt, ist es, als ob jemand die Wolke einfach genommen und  an genau den richtigen Punkt geschoben hat. Oder wenn die Sonne die Berge je nach Tageszeit in ein anderes Licht taucht. Gelb, orange, rosa. Es ist verrückt, dass die pure Natur, an der nichts gestellt ist, manchmal am unechtesten wirkt. Zu schön um wahr zu sein. Aber sie ist wahr.

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Und – ich sage es tatsächlich – irgendwie haben die Berge auch etwas Sanftes an sich. Zum Beispiel darin, wie sie die Dörfer umschließen. Ein natürlicher Schutzwall, der alles Böse aus der Außenwelt vom Dorf weghält. Oder wenn sich das Gebirge ewig weit vor einem erstreckt, friedlich, ruhend, mit immer wiederkehrenden Erhebungen und Tälern.  Mit Wäldern in sattem Grün und im Hintergrund dem Meer, das zwischen den Bäumen hervorblitzt. Das ist das Schöne: Es ist nicht Meer oder Berge, hier geht beides.

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Nur manche Straßen durchs Gebirge, die sind nicht so sanft, sondern haben mehr Achterbahn-Charakter: Steil, kurvenreich, manchmal nur einige Zentimeter vom Abgrund entfernt. Für den besonderen Adrenalin-Kick sorgen  entgegenkommende Autos, im besten Fall sogar Busse, auf den gefühlt 2-Meter-breiten Straßen. Es fehlen nur noch ein paar Loopings. Meine ganze Bewunderung (und mein ganzes Mitleid) gilt den verrückten Radfahrern, die sich an die Strecke wagen und die ich manchmal gerne von hinten anschieben möchte, damit sie den Berg nicht wieder herunterrollen.

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Außer den Radfahrern trifft man nicht viele Menschen im Gebirge. Die meisten Touristen fahren höchstens zu den Bergdörfern und nehmen dafür soweit es geht Routen über die Autobahn, was zugegeben magen-freundlicher und schneller ist. Aber längst nicht so schön. Und von denen, die sich auf den Weg über die Bergstraßen machen, halten viele nicht an. Für sie geht es von Ort zu Ort, von Ziel zu Ziel, ohne zu merken, dass – jetzt kommt wieder einer dieser Kalendersprüche – der Weg manchmal das Ziel ist. Der Spruch ist eigentlich wohl nicht ganz so wortwörtlich gemeint, aber auf Mallorcas Bergstraßen passt die Interpretation perfekt.

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So sind es wieder stille Momente und manche der schönsten Sonnenuntergänge, die ich hier erlebe. Kein deutsches Geplauder um mich herum, nur der Wind, das Klicken meiner Kamera, manchmal das Klingeln einer Glocke am Hals einer Ziege. Und eine Person an der Seite, mit der man schweigend das Glück und die Schönheit der Welt genießen kann. Mehr braucht es nicht. Dass Perfektion in der Einfachheit liegen kann, stimmt eben nicht nur beim Apple-Design, sondern auch bei Augenblicken des Lebens.

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